29.03.2021

Hölderlin-Gedenken (6) | Schützenscheibe

Am Anfang steht ein Brief Hölderlins an seine Schwester aus dem Jahr 1799:
»…ich wohne gegen das Feld hinaus, habe Gärten vor dem Fenster und einen Hügel mit Eichbäumen, und kaum ein paar Schritte in ein schönes Wiesthal. Da geh ich dann hinaus wenn ich von meiner Arbeit müde bin, steige auf den Hügel und seze mich in die Sonne, und sehe über Frankfurt in die weiten Fernen hinaus, und diese unschuldigen Augenblike geben mir dann wieder Muth u. Kraft zu leben und zu schaffen.«

Am 19. März 1870 schlägt der Gründer und Redakteur des Taunusboten bei der ›Seculärfeier der Geburt des Dichters Hölderlin‹ vor, den von Hölderlin beschriebenen Platz mit dessen Namen zu benennen und einen Gedenkstein zu versehen. Das Denkmal sollte bereits am 7. Juni desselben Jahres enthüllt werden, allerdings konnte der Platz am Wingertsberg, der dafür vorgesehen war, nicht erworben werden (die beiden Stufen und der Sockel standen bereits). Es existiert aber eine Abbildung, die das Denkmal an diesem Ort zeigt: Die Homburger Schützengesellschaft 1390 e. V. besitzt eine Schützenscheibe mit einer »bildlichen Darstellung des Hölderlin-Denkmals, dem alten Eichbaum und der Ruhebank«, die am dritten Pfingsttag des Jahres 1870 »herausgeschossen« wurde, wie der Stadtarchivar damals beschreibt. Es handelt sich also um eine fiktive Abbildung von archivarischem Wert, weil sie den ursprünglichen vorgesehenen Standort des Denkmals zeigt. Auf der Scheibe steht:
»Dem Dichter der einst hier lebte und litt
Weiht Homburg ein Denkmal von Stein.
Dem Schützen der heut‘ für die Freiheit stritt
Wird‘s Denkmal in perlendem Wein.«
Wer die Scheibe beauftragt, wer sie hergestellt und wer sie schlussendlich gewonnen hat, weiß man heute leider nicht mehr.

Die Realisierung des Denkmals verzögerte sich durch den Krieg 1870/71 und den Tod des federführenden Stadtarchivars um ganze 13 Jahre: 1883 wurde es dann im Kurpark aufgestellt, nachdem sich der örtliche Verein für Geschichte und Altertumskunde der Sache angenommen hatte: zuerst an einen Weg, der in das von Hölderlin geliebte ›Wiesenthal‹ führt, nahe dem Kurparkweiher; 1934 wurde es an die heutige Stelle versetzt, um ihm mehr Beachtung zu geben und sich besser in die Parklandschaft einzugliedern.

Robert Kühne
Projektassistent Hölderlin20/21

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Foto: H. J. Höhn, mit frdl. Genehmigung der Homburger Schützengesellschaft e. V.

Foto: H. J. Höhn, mit frdl. Genehmigung der Homburger Schützengesellschaft e. V.