09.04.2020

Ein offener Brief des Chefredakteurs der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, zu Hölderlins Geburtstag

Sehr geehrte Frau Horvath,

ja, selbst ich muss zugeben: Es ist schwierig geworden, gelassen zu bleiben. Nehmen wir die Nachbarin aus der Wohnung im Erdgeschoss. Als ich neulich nach Hause kam und an ihrer Tür vorbeiging, habe ich sie husten gehört. Mehrmals. Und es klang ziemlich trocken. Am nächsten Tag war ich dann im Waschkeller. Ich begegnete ihr im Flur, wir wechselten zwei freundliche Sätze, und ich ging, den Wäschekorb in den Händen, zur Treppe. Dann hörte ich es wieder. Sie hustete. Eindeutig. Ist das Corona-Monstrum schon so nahe? Wird es mich demnächst anspringen? Oder spinne ich jetzt auch?

Im Büroturm ist es mittlerweile so, dass ich auf der Etage, in der ich seit Langem mein Leben friste, nahezu allein bin. Wer kann, hat sich in dieses seltsame, offenbar englischsprachige Land namens Home-Office zurückgezogen. Nun fühlte ich mich einerseits auf dieser Etage, zu schweigen von anderen Etagen, auch früher immer wieder mal allein, obwohl früher viele, manchmal zu laut lachende Menschen die Etage bevölkerten. Aber das Sich-allein-Fühlen in der Menge ist ein emotionaler Hölderlin-Zustand, wohingegen das Alleinsein im Büroturm ein physischer Hölderlin-Zustand ist.

Friedrich Hölderlin verbrachte immerhin die Jahre zwischen 1807 und 1843 weitgehend allein in einem Turmzimmer zu Tübingen. Dies war eine sehr lange Quarantäne, die auch damit zusammenhing, dass ihn andere für sehr krank hielten. Manchmal weiß man nicht so genau, wer wirklich krank ist – der eine im Turm oder die anderen, die ihn dort halten wollen. Möglicherweise besteht ein Teil der Krankheit der vielen darin, dass sie immer den oder die jeweils anderen für krank halten. Haben Sie nicht auch Ihre Nachbarin gerade husten gehört?

Überhaupt, Hölderlin. Sollten Sie sich gerade im Home-Office aufhalten oder Ihre Enkel nicht sehen dürfen oder sonst wie sozial dissoziiert sein, haben Sie ja immerhin mehr Zeit. Dann könnten Sie zum Beispiel auch was von Hölderlin lesen, den man nicht immer sofort versteht. Aber meiner Lebenserfahrung nach gehören die, die man immer sofort versteht, wie zum Beispiel der bayerische Ministerpräsident, manchmal allein in einen Turm, und sei es nur, um das Nachdenken zu fördern. Die Sofortversteher und die Sofortverstandenen meiden die Türme allerdings meistens, denn im schlimmsten Fall würden sie dort mit sich selbst konfrontiert. Jene aber, denen das Leben ein ewiges Rätsel bleibt und die manchmal auch so schreiben oder reden, landen viel zu häufig in ihrem eigenen höchstpersönlichen Quarantäneturm – siehe auch Hölderlin.

In seinem Frühlingsgedicht schrieb Hölderlin zum Beispiel die Zeile: »Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt / und sich die Ansicht wieder verschönt …« Das ist nahezu ein Corona-Gedicht, man muss es nur ein wenig verändern: »Wenn auf Türklinken das neue Virus keimt / und sich die Aussicht wieder verdüstert …« Sollte Ihnen also in der Sozialkontaktlosigkeit langweilig werden, lassen Sie sich einen Hölderlin-Gedichtband bringen und schreiben Sie die Verse auf Ihre Lage um. Sie lernen dabei erstens mehr über Hölderlin und zweitens über sich. Und drittens trotzen Sie dem Virus.

Nur nebenbei: Dass ich den US-Präsidenten für einen gefährlichen Knallkopf halte, wissen Sie, wenn Sie gelegentlich diesen Brief lesen. Deswegen ist es immer wieder interessant, wenn er solche Einschätzungen selbst bestätigt. In einer Rede an die Nation sagte Trump dieser Tage, Corona sei ein foreign virus, ein ausländisches Virus. Trump ist wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Erde, mindestens aber der einzige Präsident, der in der Lage ist, die Nationalität von Bakterien oder Viren festzustellen. Von Hölderlin gibt es dazu passende Zeilen, geschrieben 1796, mit dem enorm weitblickenden Titel ›Falsche Popularität‹: »Oh, der Menschenkenner! Er stellt sich kindisch mit Kindern; / aber der Baum und das Kind suchet, was über ihm ist.«

Das erste Mal übrigens, dass ich mit dem Phänomen des Krisen-Klopapierkaufs konfrontiert wurde, war vor fast 30 Jahren in den USA, als ich dort Korrespondent der Süddeutschen Zeitung war. In Washington gab es damals im Winter immer wieder mal ein, zwei Tage lang heftigen Schneefall, was stets zum völligen Stillstand in der Hauptstadt führte. Die lokalen Medien und TV-Stationen überschlugen sich mit der Blizzard-Berichterstattung, und die Menschen strömten vorher zuhauf in die Supermärkte, wo sie Klopapier und Mineralwasser in so großen Mengen kauften, als gelte es, eine gemeinsame Invasion von Russen und Marsmenschen zu überstehen. Aus Deutschland kannte ich das nicht, vielleicht auch weil es da keine Blizzards gibt.

Bis vor Kurzem hielt ich die Geschichte mit dem Klopapier und dem Wasser, ganz in der Tradition von Trump, auch für typisch amerikanisch. In den vergangenen Tagen allerdings hat sich gezeigt, dass sich neben vielem anderen offenbar auch die Wahrnehmung dessen, was Grundbedarf ist und was Grundbedürfnisse sind, globalisiert beziehungsweise amerikanisiert hat: Will man überleben, braucht man Klopapier. Ich zum Beispiel würde, schwebte ich denn in der Gefahr, wochenlang das Haus nicht mehr verlassen zu können, eher versuchen, mir vorher noch Balzacs Romanzyklus ›Die menschliche Komödie‹ zu besorgen, hätte ich ihn nicht schon. Viele von Balzacs Romanen lesen sich leicht, aber man braucht Zeit dafür. Und Buchläden werden geschlossen, Klopapierläden aber nicht.

Andererseits kann man heute den ganzen Balzac für 99 Cent auf einen E-Buch-Reader laden sowie Kafka, Tolstoi und Goethe dazu. Die modernen Zeiten haben das alte Spiel ›Welche Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?‹ respektive ›… würden Sie in die Corona-Quarantäne mitnehmen?‹ überflüssig gemacht. Man kann alle mitnehmen, wenn man elektronisch liest. Das ist schön, aber hat das das Leben besser gemacht?

Jedenfalls ist ein Ende der misslichen Virus-Lage nicht abzusehen. Die wenigen noch im SZ-Turm verbliebenen Menschen debattieren darüber, ob zuerst der Turm geschlossen wird und dann die allgemeine Ausgangssperre kommt oder umgekehrt. Ich weiß es nicht. Jedenfalls werden wir auch weiter daran arbeiten, Ihnen jeden Tag eine Zeitung in ihren verschiedenen Darreichungsformen zu präsentieren. Das ausländische Virus soll uns und Sie nicht unterkriegen!

Greifen Sie zu Hölderlin und bleiben Sie trotz allem guter Dinge. Und niesen Sie in die Armbeuge.

Kurt Kister
Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung