23.04.2020

Die Grenzgänger: Hölderlin goes Pop

›Die Grenzgänger‹ haben sich vor drei Jahrzehnten als Folk-Ensemble gegründet, um in Vergessenheit geratenes Volksgut wieder auszugraben, etwa alte Revolutionslieder oder Emigrantenlieder. Sie haben aber auch Gedichte von Hoffmann von Fallersleben oder des jungen Karl Marx vertont. Fünfmal wurden sie bereits mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Beim neuen Album der Grenzgänger weist einem schon das Cover den Weg: das zeigt neun Mal das bekannteste Hölderlin-Konterfei in schockfarbenen Siebdruck-Designs à la Andy Warhol. Genauso poppig und bunt wie auf dem Cover geht es auch musikalisch zu – die ehemalig Folk-Band ›Die Grenzgänger‹ interpretiert Hölderlin-Texte zu Blues, Rock, Walzer und Reggae und lässt sogar etwas ähnliches wie Rap einfließen, etwa in dem aus Hölderlins einzigem Roman ›Hyperion‹ extrahierten ›So kam ich unter die Deutschen‹.

Hölderlin hat viele Gesichter: Bewunderer der französischen Revolution, philosophierender Student zusammen mit Schelling und Hegel, Protegé von Friedrich Schiller, der ihn als »meinen liebsten Schwaben« bezeichnete. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er in einem Tübinger Turmzimmer, galt vielen Zeitgenossen als wahnsinnig, schrieb aber einige seiner schönsten Gedichte. Später haben ihn wegen mancher patriotischer Verse die Nationalsozialisten vereinnahmt, gleichzeitig komponierten aber auch Nazi-Gegner wie Hindemith und Eisler Lieder nach Hölderlin-Gedichten, ebenso wie der jüdische Komponist Viktor Ullmann noch 1943 im KZ Theresienstadt. Die vielen Facetten Hölderlins spiegeln sich bei den Grenzgängern in der Musik wieder – das Gedicht ›Lebenslauf‹ etwa vertonen sie als bluesgetränkter Walzer.

Eigentlich sind die Grenzgänger ein Quartett mit Michael Zachcial, Gesang und Gitarre, mit Cellistin Anette Rettich, Akkordeonspieler Felix Kroll und Gitarrist Frederic Drobnjak. Diesmal haben sie jedoch viele Gastmusiker an Schlagzeug, Bass, Saxophon, Geige und Mundharmonika ins Studio geladen und mit ihnen ein Album eingespielt, das den Spagat zwischen Folk und Pop wie einen kleinen, eleganten Tanzschritt wirken lässt. Über die Musik und den ausdrucksstarken Gesang von Michael Zachcial rückt einem der vor 250 Jahren geborene Dichter ungewohnt nahe – und vielleicht haben die Grenzgänger Hölderlin in seinem Jubiläumsjahr eine Menge Fans verschafft, die sonst von dem schwäbischen Dichter kaum mehr als den Namen gekannt hätten.

Bernhard Jugel
Freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk

Herzlichen Dank an den BR für die freundliche Bereitstellung des Textes. Die Besprechung kann auf den Seiten des BR nachgehört und in einer ausführlichen Fassung nachgelesen werden.

Album auf der Website der ›Grenzgänger‹ bestellen

© Müller-Lüdenscheidt-Verlag

© Müller-Lüdenscheidt-Verlag

© Die Grenzgänger

© Die Grenzgänger