03.07.2020

Das Fenster zur Seele öffnen.
Der Workshop ›Hölderlin in Gebärdensprache‹

Friedrich Hölderlins Gedichte wurden vielfach vertont und häufig rezitiert. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn man sie in Gebärdensprache übersetzt? Welche performative Präsenz erhalten sie dabei? Welche neuen Zugänge erschließen sich dadurch? Diese Fragen standen am Ausgangspunkt eines inklusiven Workshops zu Hölderlin in Gebärdensprache. Eine gemischte Gruppe aus vierzehn hörenden und gehörlosen Teilnehmenden unterschiedlichen Alters kam dafür zusammen. Für die Verständigung sorgte ein Dolmetsch-Tandem, bestehend aus einer hörenden und einer gehörlosen Dolmetscherin.

Bereits bei einer kleinen Einführung in die Gebärdensprache zeigten sich die Teilnehmenden sehr interessiert. »Gibt es Vorlagen von bekannten Gedichten oder feste Regeln dafür, wie beispielsweise ein Gedicht Goethes in Gebärdensprache aussehen soll?«, erkundigte sich eine Teilnehmerin. Daniela Happ, die gehörlose Dolmetscherin, verneinte das. Die Übersetzung von Gedichten sei sehr individuell. Ein ebenfalls gehörloser Teilnehmer ergänzte, dass Gebärdensprache lange verboten gewesen sei, was den Zugang zu literarischer Bildung erschwert habe.

Nach einem Rundgang durch den Turm und einem Austausch über die Ausstellung, wandte sich die Gruppe dem Gedicht ›Aussicht‹ von Hölderlin zu. Daniela Happ führte durch diesen Teil des Workshops. Sie zeigte die eine oder andere Gebärde, ließ den Teilnehmenden aber viel Raum für eigene Interpretationen. Zunächst vorsichtig, doch dann immer mutiger erprobte jede und jeder einen persönlichen Zugang zu diesem Gedicht. Allmählich formte sich ein Konsens darüber, wie sich der Inhalt in Gebärdensprache transportieren ließe.

Beim Titel entschied sich die Gruppe für ein gebärdetes Aufstoßen eines imaginären Fensterladens. Das war einerseits wörtlich gemeint, weil sich die Teilnehmenden vorstellten, wie Hölderlin den Fensterladen in seinem Turmzimmer öffnet und hinausschaut in die Welt. Andererseits kann man die Gebärde auch im übertragenen Sinn verstehen, nämlich als ein Öffnen der Seele, des tiefsten Inneren.

Im Ergebnis sind sowohl Elemente des Ursprungstexts als auch Interpretationen der Teilnehmenden enthalten. Die Sprachmelodie drückt sich dabei in der Mimik, der Körpersprache und dem Rhythmus der Gebärden aus. Die Teilnehmenden waren sich einig: Solche Veranstaltungen sollte es im Kulturbetrieb öfter geben.

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie es ist, Hölderlins Texte blind zu hören und taub zu sehen: Darüber spricht auch Künstler Wolfgang Georgsdorf im Rahmen der Ausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹ des DLA Marbach.

Die Gebärdensprachen-Dolmetscherin Daniela Happ gebärdet Hölderlins ›Aussicht‹ zwischen Turm und Neckar.

Die Gebärdensprachen-Dolmetscherin Daniela Happ gebärdet Hölderlins ›Aussicht‹ zwischen Turm und Neckar.