16.11.2020

Nachgefragt: Thomas Knubben, Professor für Kulturwissenschaft und Kulturmanagement

Was war Ihre erste/letzte Begegnung mit Hölderlin?
Die erste dürfte bei meinem Studienbeginn in Tübingen gewesen sein, die letzte morgen und übermorgen.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht/Lieblingszitat von Hölderlin?
Es gibt mehrere Gedichte und Zitate, die mir sehr nah sind. Besonders vertraut ist mir aus vielerlei Gründen das Gedicht ›Andenken‹, in dem er seine Bordeaux-Erfahrungen verarbeitet hat. Es vermittelt großartige Bilder der Stadt, macht Erinnerung anschaulich und entwickelt eine bezaubernde Poetik des Gedächtnisses.

Was viele Leute nicht über Hölderlin wissen...
Wie sehr Hölderlin zu Lebzeiten gescheitert ist und welche weltweite Bedeutung er im Nachleben gewonnen hat.

Was haben Sie von Hölderlin gelernt?
Dass das Leben ein Kunstwerk ist, sensibel und kostbar, gestaltet von den Zeiten und gestaltbar vom einzelnen – »daß wir das Offene schauen, daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist«.

Welche Frage würden Sie Hölderlin stellen, wenn Sie ihm begegnen würden?
Woraus sein großer Ehrgeiz, seine unbändige Leidenschaft zum Dichten erwuchs? Und was es war, das es in ihm so glühen, gären und brodeln ließ?

Darum sollte man auch 2020 noch über Hölderlin schreiben/lesen/forschen etc.:
Weil Hölderlin eine singuläre, hochsensible Dichtergestalt ist, die an einer Epochenschwelle lebend, Zeitkritik mit weitreichenden Visionen verband, daraus eine individuelle Mythologie in unerhört kühner Sprache erschuf, die ob ihres oftmals fragmentarischen Charakters wie auch ihrer Unauflöslichkeit und Unabgeschlossenheit im Sinne des offenen Kunstwerks aktuelle Anschlüsse in viele Richtungen des Lesens und Weitersinnens erlaubt.

Thomas Knubben ist Hölderlins Fußweg nach Bordeaux ebenfalls zu Fuß gefolgt. Seine Erfahrungen hat er in ›Hölderlin. Eine Winterreise‹ niedergeschrieben, Anfang 2020 entstand dazu ein Mundart-Hörspiel.

© Thomas Weiss

© Thomas Weiss

Thomas Knubben bei einer Lesung in Bad Homburg v. d. Höhe. © Kulturamt Bad Homburg

Thomas Knubben bei einer Lesung in Bad Homburg v. d. Höhe. © Kulturamt Bad Homburg

© Klöpfer, Narr

© Klöpfer, Narr