19.11.2020

Was 1770 noch so geschah (4) | Gründung der Hohen Karlsschule in Stuttgart

Im Geschichtsunterricht spielt es keine große Rolle, das Jahr, in dem Hölderlin, Beethoven, Hegel (und Friedrich Wilhelm III. von Preußen) geboren wurden. Was geschah in Politik, Gesellschaft und im Geistesleben, was bewegte den Alltag der Menschen zu dieser Zeit? In loser Folge beleuchtet diese Serie verschiedenste Kontexte aus dem Jahr 1770.

Schiller verbrachte hier acht Jugendjahre und Schubart nannte sie eine »Sklavenplantage« – die Hohe Karlsschule in Stuttgart war zum einen eine angesehene, moderne Lehranstalt, die junge Knaben aus ganz Europa und darüber hinaus anzog. Zum anderen war sie für ihre unerträglich autoritäre und einengende Organisation bekannt. 1770 von Herzog Karl Eugen als Militärschule gegründet, war sie zunächst auf dem Schloss Solitude beherbergt. Später zog sie in eine umgebaute Kaserne hinter dem Neuen Schloss und wurde 1781 zur Universität erhoben. Sie bot eine außergewöhnliche Vielfalt an Fächern wie Jura, Medizin, Kriegs- und Forstwissenschaft, Ökonomie und Freie Künste an. Die Schüler, die der Herzog »seine Söhne« nannte, waren sieben- bis 22-jährig. Er hatte sie oft persönlich ausgesucht und nahm täglich Anteil an ihrer Entwicklung, wozu aber auch das Verhängen von strengen Strafen gehörte.

Anlass zur Gründung war einerseits der Zeitgeist des aufgeklärten Absolutismus (obwohl ihr militärischer Charakter im Widerspruch zu Rousseaus ›natürlicher‹ Erziehung stand), andererseits wollte der Herzog von der landständischen Tradition unabhängige Staatsdiener heranziehen. Philosophie war das zentrale Hauptfach, verfolgt wurde das höfische Bildungsideal. Ein weiterer Grund war die Forderung nach ›gelehrten‹ Offizieren, die wissenschaftlich ausgebildet der neuen Kriegstechnik gewachsen sein sollten. Dem Gedanken der Staatsraison und Fürsorge folgend sollte auch unbemittelten Landeskindern eine Ausbildung ermöglicht werden. Ausschlaggebend war die Leistung, nicht die Geburt. Die Karlsschule war damit richtungsweisend für die gemeinsame Erziehung junger Menschen über Standesgrenzen hinweg.

Die Verbindungen zu Hölderlin über Schüler wie Lehrer der Hohen Karlsschule sind zahlreich:
– Ihrem berühmtesten Zögling, Schiller, brachte Hölderlin einseitige Bewunderung entgegen.
– Hölderlins späterer Arzt in Tübingen, Autenrieth, war hier ebenfalls ausgebildet worden.
– Schubart wurde nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft auf dem Hohen Asperg neben anderem zum Lehrer für Tonkunst und Mimik an der Karlsschule ernannt. Er war zudem seit 1774 Herausgeber der zeitweise in der Karlsschule gedruckten Zeitschrift ›Teutsche (seit 1787 ›Vaterländische‹) Chronik‹. Hölderlin sehnte sich nach der Freundschaft mit dem älteren Dichterkollegen, den er jedoch nur wenige Male traf.
– Karl Philipp Conz (1762–1827) war Prediger an der Karlsschule, Jugendfreund Schillers sowie später Professor für klassische Philologie an der Universität Tübingen. Als Lehrer Hölderlins vermittelte und beeinflusste er maßgeblich dessen Griechenlandbild.
– Den Maler Franz Karl Hiemer kannte Hölderlin aus Maulbronner Schulzeiten. Hiemer wurde 1778 in die Karlsschule aufgenommen. Seit 1789 stand er in Tübingen dem Kreis um Hölderlin, Hegel und Schelling nahe und fertigte 1792 das berühmte Pastellportrait Hölderlins an.
– Jospeh Anton Koch (1768–1839), welcher seit 1785 als Malerschüler an der Karlsschule war, kritisierte die dort stattfindende Misshandlung und Bevormundung und sympathisierte offen mit den Ideen der Französischen Revolution. Er verfasste u. a. die ›Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule‹. Derjenige Schüler im Werk, der auf der Fackel mit der Aufschrift ›Prometheus‹ steht, wurde zunächst für Hiemer gehalten, später jedoch als Kochs Freund Johann Baptist Seele (1774–1814) identifiziert. Koch kam einer Bestrafung seitens der Schule zuvor, indem er in das revolutionäre Straßburg floh.

1794 wurde die Hohe Karlsschule wenige Monate nach Karl Eugens Tod offiziell geschlossen. Ihr Einfluss hielt trotzdem an, so besetzten die ehemaligen Schüler Staatsstellen, die praktische Berufsausbildung wurde gestärkt und ihre neuhumanistische Ausrichtung hielt in die Universität Tübingen sowie in das Stuttgarter Gymnasium Einzug. Nicht zuletzt schuf sie Voraussetzungen für die geistige Entwicklung und Blütezeit Württembergs.

Ursula Beata Baur
Wissenschaftliche Hilfskraft der Arbeitsstelle für literarische Museen am Deutschen Literaturarchiv Marbach

Für die Bereitstellung des Bildmaterials danken wir herzlich der Staatsgalerie Stuttgart, den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg sowie dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg.

→ Was 1770 noch so geschah: (1) James Cook in Australien(2) Pockenepidemie in Kopenhagen | (3) Rheinbegradiger Tulla wurde geboren | (5) Pferdemarkt in Heilbronn



Die Hohe Karlsschule in Stuttgart um 1860; Holzstich nach einer Zeichnung von Croquis von Malté; wiedergegeben nach: Johannes Scherr: Schiller und seine Zeit, Leipzig 1859. © Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, Schefold Nr. 8170; Mediennummer: LMZ095998.

Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule. Federzeichnung teilweise aquarelliert von Joseph Anton Koch (1768–1839), 1791. Foto: © Staatsgalerie Stuttgart

Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule. Federzeichnung teilweise aquarelliert von Joseph Anton Koch (1768–1839), 1791. Foto: © Staatsgalerie Stuttgart

Die Hohe Karlsschule war von 1770 bis 1775 auf der Solitude beherbergt. Blick auf das Schloss im Herbst. © Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Norbert Stadler

Die Hohe Karlsschule war von 1770 bis 1775 auf der Solitude beherbergt. Blick auf das Schloss im Herbst. © Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Norbert Stadler

Am späteren Standort hinter dem Neuen Schloss erinnert heute nur noch eine Gedenkplatte mit Modell und Inschrift. Heute steht dort die Württembergische Landesbibliothek (Hintergrund). Foto: Robert Kühne

Am späteren Standort hinter dem Neuen Schloss erinnert heute nur noch eine Gedenkplatte mit Modell und Inschrift. Heute steht dort die Württembergische Landesbibliothek (Hintergrund). Foto: Robert Kühne