03.12.2020

Hölderlin20/21 – So geht's weiter (7) | Marbach

Vermutlich am 28.07.1842, wenige Wochen vor seinem Tod, hat Hölderlin das Gedicht ›Der Mensch‹ geschrieben:

»Wenn aus sich lebt der Mensch und wenn sein Rest sich zeiget,
So ist's, als wenn ein Tag sich Tagen unterscheidet,
Dass ausgezeichnet sich der Mensch zum Reste neiget,
Von der Natur getrennt und unbeneidet.

Als wie allein ist er im andern weiten Leben,
Wo rings der Frühling grünt, der Sommer freundlich weilet
Bis dass das Jahr im Herbst hinunter eilet,
Und immerdar die Wolken uns umschweben.«

Vor dem Hintergrund der Corona-Epidemie wurde die große Ausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹ im Literaturmuseum der Moderne bis 01.08.2021 verlängert; sie geht also in ihren zweiten Frühling und ihren zweiten Sommer. Begleitet wird sie digital durch Videoclips und Zoom-Führungen, analog durch öffentliche Führungen und ab Mai 2021 hoffentlich auch wieder durch Veranstaltungen vor Ort.

Am 16. Mai sprechen im Rahmen des Literatursommers die Schriftsteller Norbert Gstrein und Bas Böttcher über Hölderlins leise Stellen. Am ganzen Wochenende können Besucherinnen und Besucher die Wirkungen von Ruhe beobachten: Was passiert mit uns, wenn wir uns Zeit nehmen und still sind? Wie verändert sich dadurch, die Art und Weise, wie wir Hölderlins Gedichte lesen?

Vom 18. bis zum 20. Juni erforschen Teams u.a. aus Basel, Köln, Marbach, Moskau, Potsdam, Stuttgart, Weimar, Wien und Würzburg im Rahmen eines Hackathons die poetischen Texte von Hölderlin, Celan, Schiller und Mörike (in Kooperation mit dem Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel und den Universitäten Potsdam und Stuttgart).

Am 25. Juni findet der Abschluss des Literatursommers 2020 der Baden-Württemberg Stiftung ›Hölderlin und Hegel – 250 Jahre Sprache und Vision‹ statt: ›Auf einen Espresso + einen Wein mit Hegel + Hölderlin‹ treffen sich Ulrike Almut Sandig, Jürgen Kaube und Karl-Heinz Ott, moderiert von Denis Scheck: Welche visionäre poetische und philosophische Kraft besitzt die Sprache? Wie z. B. denken und handeln wir in und mit der Literatur? Musik und Performances von György Kurtag, Aribert Reimann und Gerhard Stäbler, gesungen und gespielt von Angelika Luz, Alumni und Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart, rahmen den Abend.

Am 26. Juni diskutieren die Hölderlin-Forscher Winfried Menninghaus und Roland Reuß mit Lothar Müller und Vera Hildenbrandt über unterschiedliche Arten der Hölderlin-Lektüre: Hölderlin materiell, empirisch, digital?

Am 27. Juni liegt der Schwerpunkt auf der Frage: Wie verstehen wir Hölderlins Gedichte? Wie nähern wir uns dem an, was wir als Verstehen bezeichnen? Wie hat Literatur überhaupt ein Innen und Außen? Vormittag: Anne-Dore Krohn und Denis Scheck überprüfen Robert Walsers These: »Hölderlin hielt es für angezeigt, d. h. für taktvoll, im 40. Lebensjahr seinen gesunden Menschenverstand einzubüssen [...]. Über einen grossen und zugleich unglücklichen Menschen weinen, wie schön ist das! Wieviel zarten Gesprächsstoff liefern solche unalltägliche Existenzen.« Nachmittag: Die Tänzerin und Schauspielerin Katharina Meves spricht Hölderlins Diotima-Gedichte (Choreographie: Louise Wagner), das Diotima Quartett spielt sie in der Vertonung von Luigi Nono (in Kooperation mit den Schlossfestspielen Ludwigsburg).

Am 10. Juli erlebt der SWR-Film ›lesenswert unterwegs‹ mit Denis Scheck eine Preview: ›Mein Hölderlin – Eine Reise nach Bordeaux‹ (AT). Die Ausstrahlung läuft am 15. Juli.

Vom 30. Juli bis 1. August wird die Hölderlin-Celan-Ausstellung mit Führungen verabschiedet und geht mit einer Installation von Judith Kuckart und Lili Anschütz ins Freie: ›Was man von hier hören kann‹. Dietmar Bär, Bibiana Beglau, Durs Grünbein, Hanna Schygulla u.a. haben Gedichte eingelesen von Hunden, Affen, Krähen, Mäusen, Füchsen, Wölfen und Adlern. Wer ihnen zuhört, wird über den Umweg Tier neugieriger Gast in der eigenen menschlichen Existenz.

→ Zu den Programmen anderer Städte: (1) Hölderlinstadt Nürtingen | (2) Literaturstadt Heidelberg | (3) Rhein-Main-Gebiet | (4) Universitätsstadt Tübingen | (5) Hölderlinstadt Lauffen a. N. | (6) Stuttgart

Das Literaturmuseum der Moderne. © DLA Marbach

Das Literaturmuseum der Moderne. © DLA Marbach

Blick in die Ausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹ © DLA Marbach

Blick in die Ausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹ © DLA Marbach