08.12.2020

Hölderlin und Papst Franziskus

Vor wenigen Monaten hat der Kunst- und Kulturförderer Heinz-Dieter Schunk dem Hölderlinhaus in Lauffen a. N. das hyperrealistische Hölderlinportrait des Malers Massimiliano Pironti übergeben, das seitdem prominent im neuen Anbau ausgestellt ist. Nun gibt es noch etwas zu berichten, das aus der schwäbischen Kleinstadt direkt in den Vatikan führt:

Das Gemälde wurde nämlich in Originalgröße und mit limitierter Auflage von 20 Stück hochwertig nachgedruckt, gerahmt und von Massimiliano Pironti handsigniert. Eigentlich für Ehrengäste in Lauffen bestimmt, hatten Familie Schunk und Massimiliano Pironti von Anfang an den Wunsch, mit dem ersten Exemplar dem Hölderlinfreund Papst Franziskus eine kleine Freude zu machen. Dank Empfehlung der vatikanischen Kunstautorität Gianfranco Kardinal Ravasi, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur, konnte die Nr. 1 dieser 20 handsignierten Nachdrucke nach Rom speditiert werden. Kardinal Ravasi spricht fließend Deutsch und ist ein Liebhaber der deutschen Literatur. Er hat den Kontakt zum Privatsekretär des Papstes hergestellt, denn Papst Franziskus schätzt und bewundert seinen eigenen Worten nach das Werk Friedrich Hölderlins sehr und hat Hölderlin immer wieder in Ansprachen und Predigten zitiert. Das Motto unter Pirontis Hölderlingemälde ist zudem die sogenannte Grabinschrift des Ignatius von Loyola (1491–1556), dem Ordensgründer der Jesuiten, denen Papst Franziskus angehört: »Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est« (»Vom Größten nicht begrenzt, vom Kleinsten umfasst zu sein, ist göttlich.«) Pironti erkennt in diesen Worten das Lebensmotto Hölderlins, stellte sie der Dichter doch über sein Hauptwerk ›Hyperion oder der Eremit in Griechenland‹.

Der Privatsekretär konnte dem Papst das Gemälde persönlich übergeben. Nun hängt die Reproduktion auf Wunsch des Papstes im Dikasterium (päpstlichen Ministerium) für Kunst und Kultur – und in Lauffen traf einige Zeit später ein von Franziskus unterzeichnetes Schreiben auf amtlichem Briefpapier ein. Darin formulierte er seine eigenen Gedanken zu Hölderlin in der Karwoche 2020 inmitten des Aufflammens der Corona-Pandemie:

»[...] gestern habe ich mit Freude das Exemplar von ›Hölderlin di Lauffen‹ des italienischen Künstlers Massimiliano Pironti [...] erhalten. [...]

Ebenso habe ich mich gefreut, von der Eröffnung des neuen Hölderlinmuseums in Lauffen am Neckar zur Verbreitung seines Erbes zu erfahren. lch denke, dass wir in diesen Zeiten, in denen wir als Menschheit harten und schmerzhaften Prüfungen ausgesetzt sind, die jungen Generationen nicht sich selbst überlassen dürfen, ohne dass ihnen dieses gemeinsame Erbe zur Verfügung steht, das ihnen die nötige Sicherheit und Hoffnung geben kann, um nicht im Sturm unterzugehen. Um die Krisen, die wir zu bewältigen haben, zu lösen, braucht es sicherlich den Bereich von Wissenschaft und Technik, doch diese Komponente allein wird nicht alle Lösungen bringen. Wir müssen die Erinnerung zurückgewinnen und wiederbeleben wie auch all die Äußerungen, die im Laufe der Geschichte die Seele und die Größe unserer Völker gebildet, geformt und sichtbar gemacht haben. lch denke an die Aussage Hölderlins, die er Hyperion in den Mund legt:

›Aber aus bloßem Verstand ist nie Verständiges, aus bloßer Vernunft ist nie Vernünftiges gekommen. Verstand ist ohne Geistesschönheit, wie ein dienstbarer Geselle, der den Zaun aus grobem Holze zimmert, wie ihm vorgezeichnet ist, und die gezimmerten Pfähle aneinander nagelt, für den Garten, den der Meister bauen will.‹

Die Überwindung vieler der Probleme, die uns plagen, erforder[t] die Fähigkeit, all unser Wissen und Können zusammenzutun und gemeinsam zu verbinden, damit wir nicht in neue wie alte Formen der Unterwürfigkeit fallen, die nur den Traum Gottes für jedes seiner Kinder vermindern oder auslöschen können. Jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und den Lebenssaft wiederzugewinnen, der so vielen Generationen das Leben geschenkt hat, erlauben wir dem Heiligen Geist, neue Wege, kreative Methoden und aussagekräftigere Zeichen hervorzubringen, um auf die Probleme zu antworten, die uns umgeben und uns bedrängen (vgl. Evangelii gaudium, 11). Die Gegenwart und die Zukunft brauchen Stimmen wie die Hölderlins, die uns alle daran erinnern: ›Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.‹ Vielen Dank für alles, was dies möglich macht.

[...]

Mit brüderlichen Grüßen,
Franziskus«

Das Gemälde illustrierte auch einen ganzseitigen Feuilleton-Beitrag in der ›Welt‹ vom 05.08.2020 über die Hölderlinstadt Lauffen.

Papst Franciscus im Jahr 2015. Foto (Ausschnitt): Casa Rosada (Argentina Presidency of the Nation) via Wikipedia Commons CC BY-SA 2.0

Papst Franciscus im Jahr 2015. Foto (Ausschnitt): Casa Rosada (Argentina Presidency of the Nation) via Wikipedia Commons CC BY-SA 2.0

›Friedrich Hölderlin‹, Öl auf Aluminiumpanel, 90 x 74 cm von Massimiliano Pironti, 2020. © Massimiliano Pironti

›Friedrich Hölderlin‹, Öl auf Aluminiumpanel, 90 x 74 cm von Massimiliano Pironti, 2020. © Massimiliano Pironti