14.12.2020

Nachgefragt: Mark Sattler, Sohn des Hölderlin-Herausgebers D. E. Sattler und Dramaturg beim Lucerne Festival

Was war Ihre erste/letzte Begegnung mit Hölderlin?
Hölderlin ist mir durch die Arbeit meines Vaters Dietrich E. Sattler, Herausgeber der Bremer und  Frankfurter Hölderlin-Ausgaben, sehr präsent, seit Kindheit an. Bei meiner Arbeit als Dramaturg für das Lucerne Festival initiierte und betreute ich dann immer wieder Projekte mit Hölderlin-Bezug, wie zum Beispiel Heinz Holligers ›Scardanelli-Zyklus‹ oder die Hölderlin-Oper von Georg Friedrich Haas ›Nacht‹. Eine besondere Hölderlin-Erfahrung war für mich die Zusammenarbeit mit meinem Vater für ein Konzertprogramm mit Nonos Streichquartett ›Fragmente – Stille, an Diotima‹ sowie eine Radiosendung über Nonos Hölderlin-Rezeption, bei denen mein Vater als Sprecher über und von Hölderlin-Texten mitwirkte. Aktuell beschäftigt mich mein Musik/Text-Projekt, ›BAGATELLEN. Beethoven | Hölderlin – eine komponierte Begegnung‹, welches Beethovens letzte Klavierstücke op. 126 mit späten Gedichten Hölderlins kombiniert. Gerade habe ich zusammen mit dem Sprecher Michael Engelhardt und dem Pianisten Stefan Wirth mit den ›BAGATELLEN‹-Projekt eine Radioproduktion beim SWR in Stuttgart gemacht.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht/Lieblingszitat von Hölderlin?
»Wo die Gesänge wahr, und länger die Frühlinge schön sind,
Und von neuem ein Jahr unserer Seele beginnt.«
(Ende von ›Menons Klage um Diotima‹)
Das ist das Motto für das ›BAGETELLEN‹-Projekt, bewusst gewählt, um den herbstlichen, abschieds-melancholischen Begriff Spätwerk zu konterkarieren – da ist so viel Frühling. Und passend zu unserer pandemiebedingten gesangslosen, ›bleiernen‹ Herbst- und Winterzeit – siehe die erste Strophe von ›Der Gang aufs Land‹: »und leer ruht von Gesange die Luft. / Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will / Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit« – ein tiefer hoffnungsgebender Impuls, um weiter zu gehen, eine Stelle aus einem Brief Hölderlins:
»Meine Liebe ist das Menschengeschlecht, freilich nicht das verdorbene, knechtische, träge wie wir es nur zu oft finden […]. Ich liebe das Geschlecht der kommenden Jahrhunderte. Denn diß ist meine seeligste Hofnung, der Glaube, der mich stark erhält und thätig, unsere Enkel werden besser sein, als wir, die Freiheit muß einmal kommen, und die Tugend wird besser gedeihen in der Freiheit heiligem erwärmenden Lichte, als unter der eiskalten Zone des Despotismus. Wir leben in einer Zeitperiode, wo alles hinarbeitet auf bessere Tage. Die Keime der Aufklärung, diese stillen Wünsche und Bestrebungen Einzelner zur Bildung des Menschengeschlechts werden sich ausbreiten und verstärken, und herrliche Früchte tragen. Sieh! lieber Karl! Diß ists, woran nun mein Herz hängt. Diß ist das heilige Ziel meiner Wünsche, und meiner Thätigkeit – diß, daß ich in unserm Zeitalter die Keime weke, die in einem künftigen reifen werden.«
(Brief Anfang Juli 1793 an den Halbbruder Carl Gock)

Welche Frage würden Sie Hölderlin stellen, wenn Sie ihm begegnen würden?
Ich würde mit Hölderlin über die »goldnen Stunden der Musik« sprechen. Hölderlin war ein guter Musiker; er hat viel gespielt, besonders auch im Tübinger Turmzimmer. Ich würde mit ihm darüber reden, welche Musik er auf der Flöte und dem Klavier gerne spielt, ihm zuhören, wenn er spielt, improvisiert, mit ihm zusammen spielen.
»[…] ich muss doch noch besonders danken für die goldnen Stunden der Musik! Die freundlichen Töne ruhen in mir, und sie werden manchesmal erwachen wenn es friedlich im Innern und um mich still ist.«
(Brief an Christian Landauer, Februar 1801).


Mark Sattlers ›BAGATELLEN‹-Projekt läuft als Radioproduktion am 16.12. bei SWR2 (anschließend auch abrufbar in der SWR Mediathek) und wird beim Lucerne Festival Sommer 2021 am 25.08. uraufgeführt.

Foto: Lucerne Festival

Foto: Lucerne Festival