07.01.2021

Was 1770 noch so geschah (5) | Erster Pferdemarkt in Heilbronn

Im Geschichtsunterricht spielt es keine große Rolle, das Jahr, in dem Hölderlin, Beethoven, Hegel (und Friedrich Wilhelm III. von Preußen) geboren wurden. Was geschah in Politik, Gesellschaft und im Geistesleben, was bewegte den Alltag der Menschen zu dieser Zeit? In loser Folge beleuchtet diese Serie verschiedenste Kontexte aus dem Jahr 1770.

Zum Alltag in dieser Zeit gehörten ganz wesentlich die Märkte. Heute kaum mehr als ein netter Zeitvertreib, damals von grundlegender Bedeutung für die hauswirtschaftliche Versorgung, den geschäftlichen Absatz und Warenverkehr sowie nicht zuletzt das soziale Miteinander. Alles war auf Märkten zu haben, auch stückweise Vieh (im Ganzen und lebend). Ungefähr einen Monat vor Hölderlins Geburt, vermutlich am 22.02.1770, fand in Heilbronn, also unweit von Hölderlins Geburtsstadt Lauffen, der erste Pferdemarkt statt.

Er stand in einer Reihe von Spezial- und Nebenmärkten, die sich seit dem späten Mittelalter in Heilbronn etabliert hatten: Fleisch- und Brotmarkt, Wollmarkt, Fruchtmarkt, Geschirr- und Hafenmarkt (Hafen hier als Bezeichnung für ein großes Gefäß, Schüssel, Topf). Dieser erste Vieh- und Pferdemarkt im Februar 1770 war wirtschaftlich ein voller Erfolg, sodass der Stadtrat im selben Jahr noch die Abhaltung weiterer solcher Märkte und die Errichtung eines neuen Schützenhauses für die Marktverwaltung beschloss, das schon 1771 eingeweiht werden konnte. Bis ins späte 19. Jahrhundert steigerte sich die Frequenz auf sage und schreibe acht Vieh- und Pferdemärkte jährlich. Dabei wurde eine deutlich höhere Stückzahl an Rindvieh als an Pferden umgesetzt, auch Schweine waren zu haben. Deshalb beantragte der Gewerbeverein 1902, einen eigenen Pferde-, Wagen- und Sattlerwarenmarkt abzuhalten – laut der städtischen Güterinspektion waren zu der Zeit auf den Viehmärkten nämlich nur noch wenige Pferde zu bekommen, die obendrein von schlechter Qualität waren, obwohl die Pferdehaltung noch weit verbreitet war. Dieser eigentliche Pferdemarkt wird 1906 auf das letzte Februar-Wochenende fixiert, 1907 auf zwei Tage erweitert, in den beiden Weltkriegen jeweils für ein paar Jahre ausgesetzt, in den 60er-Jahren um eine Gebrauchtwagenschau, in den 70-ern um hippologisches Fachprogramm ergänzt und findet seit den Nullerjahren aufgrund infrastruktureller Gegebenheiten und veränderter Gesetzeslage ohne Pferdehandel mehr statt, also letztlich ohne seinen ursprünglichen Gründungszweck.

Dass er sich trotz aller Wandlungen über 250 Jahre gehalten hat, unterstreicht seine große Bedeutung für das Wirtschaftsleben in Heilbronn, aber auch für die Bindung des Umlandes (Region Hohenlohe) an die Stadt. Er war damit auch ein Instrument der Wirtschaftspolitik gegenüber den Heilbronn umgrenzenden Territorialstaaten. Die Märkte haben den Viehhandel gerechter gemacht, weil durch sie der Zwischenhandel unterbunden und Rinder, Pferde, Schweine nun direkt aus erster Hand unter den Bauern gehandelt wurden. Nicht zuletzt gilt auch ein Argument, das man heute Umwegrentabilität nennt: Die Herbergen, Lokale und Händler in der Stadt machten gute Umsätze während der Markttage, auch Bänkelsänger, Gaukler und fahrendes Volk fanden ihr Publikum.

Interessant sind vor allem die Abläufe der anfänglichen Vieh- und Pferdemärkte, die in Marktordnungen und Ratsprotokollen aus dem 18. Jahrhundert gut dokumentiert sind.  Am Vorabend des Marktes zog die Hauptwache am Rathaus auf, der Markt wurde mit den Glocken der Kilianskirche feierlich eingeläutet, Patrouillen sorgten für Sicherheit und Ordnung auf den Zufahrtsstraßen, die Wacht unter den Toren wurde verstärkt. Am Markttag musste spätestens halb acht das zum Verkauf stehende Vieh aufgestellt sein, dann fand ein feierliches Umreiten des Marktfeldes durch die Marktkommission des Magistrats mit voranziehender Musik statt. Um acht Uhr wurde vom Balkon des Schießhauses die Marktordnung verkündet. Diese regelte unter anderem, dass die Händler bestimmte Abgaben zu zahlen hatten und die Gesundheit des von Ihnen verkauften Viehs nachweisen mussten. Es gab einen amtlich festgelegten Preis für die Fütterungs- und Stellkosten und der Kaufabschluss musste protokolliert werden. Die Krämer und Händler hatten sich auf vorher ausgelosten nummerierten ‚Stationen‘ zu platzieren. Kurzum: Die Logistik rund um das Marktgeschehen unterschied sich wenig vom heutigen Veranstaltungsmanagement.

Robert Kühne
Projektassistent Hölderlin20/21

Für die Bereitstellung von Informationen und Bildmaterial danken wir herzlich der ›Heilbronner Stimme‹, der Heilbronn Marketing GmbH und dem Stadtarchiv Heilbronn.

→ Was 1770 noch so geschah: (1) James Cook in Australien | (2) Pockenepidemie in Kopenhagen | (3) Rheinbegradiger Tulla wurde geboren | (4) Gründung der Hohen Karlsschule in Stuttgart

Bis heute erhalten hat sich die Prämierung des Viehs: Schon in den 1770er-Jahren wurden vermutlich das schwerste, zweit- und drittschwerste Paar Ochsen sowie die drei schönsten Pferde prämiert. Quelle: Stadtarchiv Heilbronn, F011gelb-F-201102179.

Bis heute erhalten hat sich die Prämierung des Viehs: Schon in den 1770er-Jahren wurden vermutlich das schwerste, zweit- und drittschwerste Paar Ochsen sowie die drei schönsten Pferde prämiert. Quelle: Stadtarchiv Heilbronn, F011gelb-F-201102179.

Pferdebeschau auf dem Frankenhof bei der Moltkekaserne 1961, beide Fotos: Friedrich Wilhelm (Fritz) Friederich, Stadtplanungsamt, Quelle: Stadtarchiv Heilbronn, F011gelb-F-201102180

Pferdebeschau auf dem Frankenhof bei der Moltkekaserne 1961, beide Fotos: Friedrich Wilhelm (Fritz) Friederich, Stadtplanungsamt, Quelle: Stadtarchiv Heilbronn, F011gelb-F-201102180

Als Preismedaillen wurden sog. Viehmarktstaler geprägt. Zudem entstanden weitere Denkmünzen, diese zeigt zwei Ochsen, zwei Pferde und einen Bauern mit einem Joch. Nachprägung von 1981, Quelle: Stadtarchiv Heilbronn, E004-90.

Als Preismedaillen wurden sog. Viehmarktstaler geprägt. Zudem entstanden weitere Denkmünzen, diese zeigt zwei Ochsen, zwei Pferde und einen Bauern mit einem Joch. Nachprägung von 1981, Quelle: Stadtarchiv Heilbronn, E004-90.