Film & Funk

Friedrich Hölderlin und Paul Celan. Metrik und Raserey.

Von Helmut Böttiger

07.06.2020, 22:03 Uhr
Deutschlandfunk Kultur

Die Gemeinsamkeiten zwischen Friedrich Hölderlin, geboren 1770, und Paul Celan, geboren 1920, sind verblüffend. 150 Jahre liegen zwischen ihnen, doch beide haben ihre dichterische Sprache in eine für die Zeitgenossen unvorstellbare Radikalität hineingetrieben. Die Gründe dafür liegen in politischen wie persönlichen Zerreißproben. Beide Dichter standen in einem grundsätzlichen Gegensatz zu den gesellschaftlichen Normen und Reglementierungsversuchen. Hölderlin begeisterte sich für die Französische Revolution und setzte der deutschen Kleinstaaterei ein ideales Bild der griechischen Antike entgegen. Celan begeisterte sich für einen bohemienhaften Sozialismus und suchte gegen seine nationalistische und fremdsprachige Umgebung Halt im hohen Sprachideal des alten Habsburgerreichs. Beide Dichter orientierten sich an der Dichtung als einer existenziell wichtigen Lebensform mit dem Versmaß als zentralem Maßstab. Und sie versuchten, ihre originäre Sprache immer konsequenter der äußeren Vereinnahmung zu entziehen: Hölderlin wandte sich gegen den pietistisch geprägten Ständestaat, Celan als verfolgter Jude gegen die Verdrängungsmechanismen der Bundesrepublik. Für beide gilt der verzweifelte Ausruf Hyperions: »So kam ich unter die Deutschen.«